Welcher Wein passt zur Pasta, zum Fisch oder zum cremigen Risotto? Was bisher Fachwissen, Erfahrung oder ein längeres Gespräch mit dem Sommelier erforderte, beantworten KI-Anwendungen heute innerhalb weniger Sekunden. Besonders jüngere Konsumentinnen und Konsumenten nutzen digitale Helfer zunehmend, um sich im Supermarkt, Restaurant oder vor dem eigenen Weinregal zu orientieren.
Ein Beispiel für die KI-Nutzung ist „Henri“, der digitale Sommelier von wine-pairing.online: Nutzer können ein Gericht eintippen oder fotografieren und erhalten daraufhin konkrete Weinempfehlungen mit einer leicht verständlichen Begründung. Laut Anbieter greift die Anwendung auf mehr als 30.000 Weine und 313 Rebsorten zurück und ist auf Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar. Im Hintergrund analysiert der Algorithmus Eigenschaften des Essens wie Fettgehalt, Umami, Würze und Zubereitungsmethode. Diesen stellt er Merkmale des Weins gegenüber, darunter Säure, Körper, Tannine und Aromatik.
Statt lediglich einen Wein zu nennen, soll die Anwendung erklären, warum die Kombination funktioniert. Eine cremige Sauce benötigt beispielsweise ausreichend Säure, damit das Gericht am Gaumen nicht zu schwer wirkt. Erdige Aromen eines Weins können wiederum Pilze oder kräftige Saucen aufgreifen. Aber auch der eigene Weinkeller lässt sich digital verwalten. Nach dem Erfassen der vorhandenen Flaschen empfiehlt „Henri“ gezielt einen Wein, der bereits zu Hause lagert, die Auswahl orientiert sich dabei nicht nur am Gericht, sondern auch an Anlass und persönlicher Stimmung.
Und für Restaurants und den Weinhandel bietet die Technologie zusätzliche Möglichkeiten. Betriebe können ihre eigene Weinkarte hinterlegen und Gästen über einen QR-Code Empfehlungen aus dem tatsächlich verfügbaren Sortiment anbieten. Der digitale Sommelier ist rund um die Uhr und mehrsprachig verfügbar. Das soll insbesondere jenen Gästen die Entscheidung erleichtern, die sich mit Wein wenig auskennen oder Hemmungen haben, nachzufragen. Für Gastronomiebetriebe könnte daraus ein wirtschaftlicher Vorteil entstehen: Wer eine verständliche und passende Empfehlung erhält, entscheidet sich möglicherweise eher für eine Flasche oder einen höherwertigen Wein.
Wie groß das Interesse an digitalen Weinberatern bereits ist, zeigt ein Bericht der französischen Zeitung „Le Figaro“. Demnach sollen 41 Prozent der befragten 26- bis 35-jährigen Französinnen und Franzosen bereits KI-Anwendungen für Weinempfehlungen verwendet haben. In der jüngeren Altersgruppe liege der Anteil laut der zitierten Erhebung sogar noch höher. Verwendet werden die Anwendungen beispielsweise, indem Nutzer das Weinangebot im Supermarkt oder eine Karte im Restaurant fotografieren und die KI um eine Empfehlung bitten. Der Sommelier und Restaurantleiter Matthias Alberghi bestätigte gegenüber der Zeitung, dieses Verhalten auch bei Gästen zu beobachten.
So praktisch die schnelle Orientierung ist, zuverlässig ist sie aber nicht in jedem Fall. Die Qualität einer KI-Empfehlung hängt wesentlich davon ab, welche Informationen zur Verfügung stehen und wie präzise die Anfrage formuliert wurde. Allgemeine Fragen wie „Welcher Wein passt zu Lachs?“ lassen sich anhand bekannter Grundregeln meist plausibel beantworten. Schwieriger wird es bei konkreten Weinen, bestimmten Jahrgängen oder komplexen Gerichten. Fehlen aktuelle Verkostungsnotizen, kann eine KI vorhandene Informationen zu anderen Jahrgängen übertragen und daraus eine Empfehlung ableiten, ohne diesen Schätzvorgang ausreichend deutlich zu machen. Bei einem gemeinsamen Praxistest von „Le Figaro“ und Alberghi fielen deshalb mehrere fachlich wenig überzeugende Empfehlungen auf. Die anschließende Quellenprüfung zeigte, dass ChatGPT mangels verfügbarer Informationen zum letzten Jahrgang aus älteren Daten extrapoliert hatte. Die Antwort klang überzeugend, beruhte jedoch teilweise auf einer Annahme.
Fakt ist: KI kann den Zugang zur Weinwelt erleichtern, Fachbegriffe übersetzen und Berührungsängste abbauen. Gerade für Einsteiger bietet sie eine unkomplizierte Möglichkeit, neue Kombinationen zu entdecken und die eigenen Vorlieben besser kennenzulernen - den erfahrenen Sommelier ersetzt sie jedoch nicht. Persönlicher Geschmack, Reifezustand, Lagerung, Jahrgang und die genaue Zubereitung eines Gerichts lassen sich nicht immer zuverlässig aus allgemeinen Daten ableiten. Die Zukunft dürfte daher weniger „KI gegen Sommelier“ als „KI plus Sommelier“ lauten. Der Algorithmus liefert schnelle Orientierung, während menschliche Erfahrung, sensorisches Urteilsvermögen und persönliche Beratung für anspruchsvolle Entscheidungen unverzichtbar bleiben.